Das Torhausfestival am Flughafen Tempelhof

THF:next // THF.Vision // Mehrwertvoll e.V.

01.06.2019- 23.06.2019

In drei Wochen Torhausfestival haben die Initiativen THF:next, THF.Vision und Mehrwertvoll eine ganze Menge auf die Beine gestellt: 270 Stunden Programm, bestehend aus 69 Veranstaltungen, mit über 1400 Teilnehmern. Wir haben 11 Denkmähler ausgerichtet, die Torhaus-Infrastruktur um 20 neue Möbel bereichert und 930 Likes auf Instagram abgestaubt. 5 Zeitungs- und 16 Blogartikel wurden über das Torhausfestival geschrieben, wir haben 2 Filme gedreht, 1 Flagge gehisst, 1 Parade abgehalten und viele neue Freundschaften geknüpft.

Drei Wochen sind wie im Flug vergangen. Was fortbesteht sind, neben vielen schönen Erinnerungen, vor allem eine gewachsene Community und mehrere bleibende Projekte – aber auch eine Menge Fragen und große Aufgaben. Die folgenden 3 Highlights sind uns als Formate ganz besonders in Erinnerung geblieben, da sie das Potential dazu haben, die weitere Entwicklung des Flughafengebäudes nachhaltig zu prägen.


Das erste Highlight: Ein erfreulicher Konsens. Team-Building und Lösungsorientierung beim THF-Zukunftsworkshop

Was mit THF passieren kann, darf und wird – dazu gibt es unterschiedliche Ansichten, die auf den ersten oft Blick unvereinbar scheinen. Während unseres Zukunftsworkshops mit Jacob Bilabel (Thema1 GmbH) zeigte sich aber, dass sich scheinbar gegensätzliche Akteur*innen bei genauerer Betrachtung überraschenderweise in vielen Punkten einig sind. Ein Ziel des Torhausfestivals war es, möglichst viele unterschiedliche Zielgruppen an einen Tisch zu bringen, die bereits bei der Gestaltung von THF mitwirken oder sich in den Prozess einbringen wollen.

Vertreter*innen aus Politik, Verwaltung und Initiativen, Mieter*innen und Bürger*innen haben in diesem experimentellen Workshop eine gemeinsame, mögliche Zukunftsvision für das Flughafengebäude entwickelt, die in den öffentlichen Diskurs eingespeist und von den Menschen diskutiert und weitergedacht werden kann. Alle Teilnehmer*innen wünschen sich THF offen und kooperativ, ein Forum für die Bürger*innen soll entstehen, die Vernetzung aller Akteur*innen untereinander verstärkt werden. Wir haben an diesem Nachmittag viele Gemeinsamkeiten entdeckt und ein wenig mehr Verständnis füreinander entwickelt. In Zukunft könnten im Diskurs um das Flughafengebäude auf diesem Weg konkrete Lösungen und Möglichkeiten der Umsetzung gefunden werden. Konsens statt Konflikt, wäre eine gute Devise.


Das zweite Highlight: Eine Augenhöhe für THF. Wie ein paar Möbel für einen inkludierenden und fairen Diskurs sorgen

THF soll partizipativ und demokratisch entwickelt werden, so steht es im Koalitionsvertrag und nur so kann das Flughafengebäude zu einem Ort für alle werden. Wir haben uns, gemeinsam mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die Frage gestellt, wie ein Diskurs gelingen kann, der niemanden ausgrenzt oder vernachlässigt. Welche Rahmenbedingungen müssen geschaffen werden, damit sich z.B. Politiker*innen und Bürger*innen, junge und erwachsene Menschen, Einheimische und Neuankömmlinge als ebenbürtige Diskussionspartner begegnen können?

In unserem Augenhöhe-Workshop mit der Künstlerin Katrin Hahner wurde schnell klar: Damit ein Gespräch auf Augenhöhe stattfinden kann, müssen die Menschen und ihre Bedürfnisse im Vordergrund stehen, soziale Rollen und Rollenerwartungen für einen Moment abgelegt werden. Nur so kann Demokratie funktionieren und nur so können wir THF demokratisch entwickeln.

Statt stundenlang Gesprächsregeln für Debatten aufzustellen, haben wir auch hier eine praktische Lösung gewählt, die für jede*n einfach anzuwenden ist und obendrein zum Mitmachen einlädt. Gemeinsam mit der Fliegerwerkstatt wurden drei Objekte erarbeitet und gebaut, die uns die Perspektive wechseln lassen und dabei eine gemeinsame Ebene schaffen. Die Augenhöhe erfreut sich schon jetzt großer Beliebtheit bei vielen Menschen, die zufällig am Torhaus vorbeikommen und soll in künftigen Diskussionen für Fairness und Gleichberechtigung sorgen.

Das dritte Highlight: Eine Pop-Up-Radiostation als transparentes Sprachrohr hinaus in die Welt

Eine der Schwierigkeiten, die in Diskussionen um das Partizipationsverfahren oft thematisiert wurde, ist die Verschlossenheit bzw. Intransparenz, die dem Flughafengebäude und dem Prozess, der über dessen Zukunft entscheidet, in vieler Hinsicht anhaftet. Beides wirkt weder einladend, noch offen. Viele Berliner*innen wissen nicht einmal, dass sie bei der Entwicklung des Gebäudes mitwirken dürfen. Und so wird hinter den geschichtsträchtigen Mauern, trotz offener Türen, unter den Wenigen, die sich nicht von der trägen, abweisenden und monumentalen Aura des Gebäudes abschrecken lassen, oft unfreiwillig unter Ausschluss der Öffentlichkeit, debattiert.

Das Torhausfestival hat es sich zur Aufgabe gemacht, anhand praktischer und experimenteller Formate an der Öffnung und Sichtbarmachung des Gebäudes mitzuwirken. Das THF-Pop-Up-Radio vereint informelle Offenheit mit kulturellem Engagement. Dabei bietet es Akteur*innen, die sich für die Entwicklung des Gebäudes einsetzen, ein Forum, um regelmäßig und mit wachsender Reichweite an die Öffentlichkeit zu treten. Die Idee: Wenn die Bürger*innen nicht zum Flughafengebäude kommen (können), kommt das THF-Radio eben zu den Bürger*innen.


Abseits des Programms: Kleine und große Hürden

Viele wichtige und lehrreiche Ereignisse standen nicht im Veranstaltungskalender des Torhausfestivals, haben aber dennoch viel Zeit und Raum gefordert. Vom ersten Tag des Festivals an wurde deutlich, dass jegliches Handeln sehr genau beobachtet wird:

Die Tempelhof Projekt GmbH trägt als Gebäudeverwaltung u.a. die Verantwortung für die Sicherheit und den Denkmalschutz an diesem nicht ganz einfachen Veranstaltungsort und viele Bestimmungen stießen bei den Veranstalter*innen und Besucher*innen des Festivals auf Unverständnis: Wieso darf ein 200kg schweres Hochbeet aufgrund seines Gewichtes nicht auf einer Fläche stehen, auf der gleichzeitig tonnenschwere LKWs fahren und parken? Warum müssen 15 Teilnehmer*innen eines offiziellen, kostenfreien Workshops eine Wiese verlassen, wenn es doch privat von Menschen auch genutzt wird und es keine Schilder gibt, die das Betreten der Wiesen regulieren? Wie weit geht Denkmalschutz? Darf man Konstruktionen am Torhaus anbringen, wenn nur bereits vorhandene Löcher genutzt werden?

Die Tage waren geprägt von vielen Diskussionen und Aushandlungsprozessen und nicht selten führten komplizierte Sicherheitsbestimmungen zu organisatorischen Schwierigkeiten und verzögerten oder unterbrachen Programmpunkte. Letztendlich gab es dennoch, trotz all dieser Schwierigkeiten oder vielleicht auch gerade deshalb, eine Annäherung zwischen den verschiedenen Welten.

Was sich im Mikrokosmos des Torhausfestivals in Form von Konflikten zwischen den Bürger*innen und Vertreter*innen der Gebäudeverwaltung ausmachen ließ, wird uns auch in Zukunft auf einer größeren Ebene immer wieder beschäftigen. Das Flughafengebäude ist nun einmal kein einfacher Ort und manchmal gewinnt man den Eindruck, es sträube sich gegen jede Veränderung.

Fantastische Ideen, was man aus dem Flughafengebäude machen könnte, gibt es viele. Eine klare Einschätzung dessen, was davon möglich ist und was das Gebäude nicht zulässt, fehlt bisher ebenso, wie ein Nutzungs- und Vergabekonzept. Auch die soziale Infrastruktur ist ausbaufähig, denn das Flughafengebäude ist mit 300.000m² riesig. So riesig, dass es über 100 aktuelle Mieter*innen quasi verschluckt und füreinander unsichtbar werden lässt.

Neben all den großartigen Projekten, wertvollen Beziehungen und gemeinsamen Visionen, die im Zuge des Festivals entstanden sind, haben wir in dieser Zeit auch festgestellt, dass wir und alle interessierten Menschen da draußen mehr Informationen brauchen. Es wird Zeit, das große Gebäude besser kennenzulernen und möglichst viele Informationen transparent den Bürger*innen zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig wollen wir mit dem winzig kleinen Torhaus einen ersten Ort des Gebäudekomplexes etablieren, der Begegnungen und einen lebendigen Austausch fördert. Die THF-Gemeinschaft soll weiterhin wachsen, damit alle gemeinsam an einem kooperativen Betriebssystem arbeiten können.

Wir geht es jetzt konkret weiter?

Bei allen Herausforderungen, die das Flughafengebäude mit sich bringt, blicken wir optimistisch und motiviert in die Zukunft und halten das Motto des Torhausfestivals weiterhin hoch: #labern, #lachen, #machen!
Wir wollen weiterhin diskutieren und aushandeln. Wir wollen weiterhin aktiv etwas umsetzen und alle Bürger*innen dazu einladen, ebenfalls mit uns aktiv zu werden. Und wir wollen, dass das Ganze Spaß macht und Freude an diesen Ort zieht.

Das Torhausfestival hat uns gezeigt, dass es viele Menschen gibt, die sich THF als offenen, solidarischen und zukunftsfähigen Ort wünschen – und dass Akteur*innen aus den Bereichen Verwaltung, Politik und Stadtgesellschaft durchaus Schnittstellen in ihren Vorstellungen haben.
Wo ein Wille ist, ist bekanntlich auch ein Weg. Um diesen Weg aber zu finden, brauchen wir, neben einer starken und kooperativen Gemeinschaft, vor allem gebündeltes Wissen über den Ort.

Daher gibt es nun mittwochs regelmäßig die Tempelrunde, eine aktive Planungs- und Umsetzungsrunde, zu dem alle eingeladen sind, die aktiv etwas mitgestalten wollen. Donnerstags gibt es den Mieter*innen und Initiativen-Mittagstisch, bei dem wir ehrenamtlich für alle kochen, die Lust haben sich hier am Ort zu vernetzen, auszutauschen und einander zu unterstützen. Freitags bietet das THF-Radio nicht nur spannende THF-Storys, Hintergrundinfos und gute Musik zum mithören, sondern läd auch dazu ein, das Torhaus-Team live beim Feierabenschnack näher kennenzulernen.

Viele weitere Formate sind in Planung, um ein starkes und nachhaltiges Netzwerk aller Zielgruppen aufzubauen. Den Rahmen bietet der Online-Wissensspeicher WIR-SIND-THF, der ehrenamtlich entstanden und von engagierten Bürger*innen befüllt wird. Hier findet man zunehmend Informationen zu Mieter*innen, Initiativen, zur Verwaltung, zu Projekten und Veranstaltungen, aber auch zum laufenden Beteiligungsprozess und zum Gebäude.

In spielerischer Manier hat das Torhausfestival für drei Wochen einen experimentellen Raum erschlossen und gestaltet, der wichtige Strukturen und Beziehungen für die weitere Entwicklung des Flughafengebäudes bereitstellt. Das Ergebnis ist eine offene, heterogene Community, die stetig wächst. Das Torhausfestival hat im Kleinen gezeigt, was auch im Großen zutrifft: Das größte denkmalgeschützte Gebäude Europas ist zwar eine harte Nuss, trotzdem kann es mit viel Zuwendung, Solidarität, Kommunikation, Wissen und Engagement zu einem Ort werden, der die Bürger*innen Berlins freundlich empfängt und einen echten Mehrwert für alle Zielgruppen schafft.